Used-Look und andere Seelenlosigkeiten

Wir schreiben das Jahr 2005. Es ist ein Winter wie er winterlicher nicht sein könnte und ich sitze in der Philharmonic Hall in Liverpool und lausche andächtig den Klängen von Sigur Ros. Wenn ihr wissen möchtet wie das Konzert war muss ich euch enttäuschen. Das heisst, ich kann euch sehr wohl sagen, dass es ganz toll war. Eine detaillierte Beschreibung liegt bei mir jedoch nicht drin, denn wie so üblich versagt mein Langzeitgedächtnis sobald es sich um chronologische Abläufe handelt. Nur fragmentartig kann ich mich an einzelne Eindrücke oder vielmehr Stimmungen erinnern. Ich sehe also vor meinem geistigen Auge eine Band, die irgendwie doch unsichtbar ist, da sie sich fast die Hälfte des Konzerts hinter einem Vorhang verbirgt und lediglich durch Silhouetten fürs Publikum sichtbar gemacht wird. Ein anderes solches Bruchstück meiner Erinnerung ist eine Videoinstallation, die auf eine intuitive Art und Weise jedesmal zum Stück passte, das sie gerade spielten. Ich sehe also ein kleines Mädchen, das in Zeitlupe auf einer Sommerwiese auf und ab hüpft und finde es schön, wie sich ihr Haar und ihr Rock gleichzeitig im langsamen Takt des Songs aufbauschen. Was ich euch hingegen mit absoluter Sicherheit sagen kann ist was ich an dem Abend trug. Und diese Bewusstheit hat nichts, nun, vielleicht nur am Rande, mit Eitelkeit zu tun. Schon als ich diesen Pullover im selben Jahr kaufte nannte ich ihn, in Gedanken, meinen „skandinavisch-futuristischen Pulli“ – noch ahnte ich nicht, dass ich in ihm eines Tages den dazu passenden Abend erleben würde. But, let me tell you: er ist auch herzallerliebst. (Für die Detail-Fetischisten unter euch: grau und grob gestrickt, mit Rollkragen. Die Ärmel sind an den Oberarmen weit und von den Ellenbogen an wieder eng und überlang. Aber das pièce de résistance sind ohne Zweifel die golfballgrossen Wollbommel, mit denen er über und über versehen ist. Böse Zungen, namentlich the boyfriend, verpassten ihm deswegen gar den Namen „Brustwarzen-Pulli“. Eine Unverschämtheit, findet ihr nicht?). Auf Ewig werde ich diesen Pullover nun mit Sigur Ros, oder vielleicht sogar eher noch mit Liverpool verbinden. Dieser Trip mit fantastischem Konzert hat diesem Kleidungsstück sozusagen eine Seele eingehaucht. Denn, was ist ein Kleidungsstück, wenn es im Laden an irgendeinem Bügel hängt? Ein Stück zusammengenähter Stoff. Ein seelenloses Stück Gewebe. Erst der Träger haucht diesem Lappen letztendlich Leben ein. Auch hier gilt wie so oft, dass gut Ding Weile haben will. Viel Zeit muss vergehen. Zeit, in der sich die guten Stücke an euch und mit euch entfalten können. Genau das ist es, das Frauenzeitschriften in ihren Tipps fürs erste Date meinen, wenn sie sagen, man solle unbedingt etwas tragen, in dem man sich wohlfühle. Unter uns gesagt: Gibt es irgendetwas nervenaufreibenderes, als jemandem zusehen zu müssen, der dauernd an sich selbst herumzupft? An einem vielleicht doch zu kurz geratenen Mini? Einem Ausschnitt, der wohl doch tiefer sitzt, als man in der H&M Umkleidekabine wahrgenommen hat? Und, ganz nebenbei – der zugegebenermassen etwas anbiedernde Ausdruck „Wohlfühlklamotten“ bedeutet nicht zwangsläufig eine ausgebeulte Jogginghose und ein selbstgebatiktes T-Shirt, das man vor 15 Jahren im Sportunterricht trug. Das kann durchaus auch ein Paillettenkleid oder ein Wollbommel-Pullover sein. Das Essenzielle dabei ist die Zeit, die man mit dem Kleidungsstück verbracht hat und die positiven Assoziationen, die man damit verbindet. Ich persönlich finde beispielsweise ohnehin, dass sowohl Kleider wie auch Schuhe erst nach einer gewissen Zeit anfangen wirklich gut auszusehen. Ein wenig verwaschen müssen die T-Shirts, die Jeans sein, ein wenig ausgelatscht die guten Chucks aussehen. Das alles sollte jedoch ein möglichst natürlicher Prozess sein. Alles andere ist, nun, wie eine zerschlissene Jeans von Balmain kaufen die Fr. 2’500 kostet. „Used Look“ würden das die Designer nennen, die Magazine quacksalbern und die Fashionistas nachäffen. Gebrauchtes Aussehen? Ist das nicht wieder so eine „schwarzer Schimmel“-Geschichte, ein unbeabsichtigtes Oxymoron sondergleichen? Ein wenig zu gezwungen, zu gekünstelt, das Ganze. Oder – haben wir tatsächlich keine Zeit mehr, unsere eigenen Sachen verschleissen zu lassen? sasani-bild-balmain-jeans

Der Gipfel der Seelenlosigkeit: zerschlissene Jeans von Balmain – auch nicht okay, wenn man am Ende des Monats tatsächlich noch Fr. 2′500.00 rumliegen haben sollte

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Der Geist in der Milchtüte: bei den Jungs der Band Blur besitzt selbst eine Milchpackung eine Seele, welche sich nach dem „Tod durch Aus- trinken“ gen Himmel aufmacht – zu bewundern im Video zu „Coffee & TV“

Ich denke, ihr könnt euch nun vorstellen, wie heftig ich metaphorisch und buchstäblich mit dem Kopf nickte, als ich auf You Tube auf ein Interview mit der einzigartigen Vivienne Westwood stiess. Sie war im Juli zu Gast bei der britischen Talkshow  „Friday Night with Jonathan Ross“ – wie der Titel schon vermuten lässt, eine Latenight-Talkshow mit dem englischen Harald Schmidt. Nun. Harald Schmidt mit Charme. Sie appellierte daran, nicht viel Geld für Mode auszugeben, stattdessen seine alten Sachen anzuziehen und zwar so oft man könne. Und sollte man doch Geld für Kleidung ausgeben, dann solle man bitte mit Bedacht auswählen. Und diese Stücke dann tragen, bis sie einem buchstäblich vom Leibe abfielen! „It will get even more wonderful. Even if it’s horrible. If you wear it for ages, it will probably look better“, meinte sie weiter, und lässt uns damit all unsere alten Fehlkäufe wie Top-Investitionen erscheinen. Ach, man muss sie lieben. (Bei aller Liebe, ein Geständnis, Miss Westwood: Das mit dem „vom Leibe abfallen“ ist so eine Sache. Ich dachte in meinen romantisierten Vorstellungen, dass ich das kann. Kleidung tragen, bis sie von selbst wegläuft. Wie so oft wurde ich von der Wirklichkeit eines Besseren belehrt. Die Rede ist von meiner heiss und innig geliebten Levi’s Jeans, die ich vor gut sieben Jahren gekauft habe. Es handelte sich damals um die erste Linie, die Levi’s speziell für Frauen designt hat, sprich, die Jeans sass endlich an all den richtigen Stellen. Kein Abstehen im Rücken wenn man sich setzt, keine zu schmal geschnittenen Oberschenkel. Nicht mal zu lange Beine! Sie war perfekt. Gar nicht erst davon zu sprechen, was ich in diesen Jahren alles mit ihr erlebt habe. Reisen, Konzerte, Kinobesuche, Parties, erste, fünfte und fünfunddreissigste Dates – überall war sie dabei. Die Komplimente, die sie in den Jahren erhalten hat würden Dita von Teeses Höschen vor Scham erröten lassen! Und im verflixten siebten Jahr wollte sie nun den Geist aufgeben. Ganz unmerklich – oder war es gar ein Verdrängungsmechanismus meinerseits – schlich sich ein Loch ins rechte Knie. Um sicherzustellen, dass es sich nicht vielleicht doch um einen Kaffeeflecken, sondern tatsächlich um mein eigenes Knie handelte, welches da latte-macchiato-farben durchschimmerte, musste ich den Tast-Test durchführen. Und tatsächlich! Mein kalter Zeigefinger spürte mein Knie – und mein Knie, ja, mein Knie spürte den kalten Zeigefinger ebenfalls. Meine schlimmsten Befürchtungen hatten sich bewahrheitet. Was tun? Was tun, wenn man sich einen authentischen Used-Look erarbeitet hat? Soll man der Natur freien Lauf lassen und somit der Lieblingsjeans zusehen, wie sie in den Denim-Tod schlittert? Oder soll man bei solchen natürlichen Prozessen eingreifen, um ihr ein längeres Leben zuzusichern? Das sind die schwierigen moralischen Fragen des Lebens, my dears. Hand aufs Herz: was hättet ihr getan?) Candyfloss PS: Dem Himmel sei Dank für die geschickten Schneiderinnenhände meiner Mutter. Levi’s lebt! Interview Vivienne Westwood bei Friday Night with Jonathan Ross: http://www.youtube.com/watch?v=ltPv150tZ7A Blur – „Coffee & TV“ (1999, Regie: Hammer & Tongs): http://vids.myspace.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&videoid=8227793

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One Response to “Used-Look und andere Seelenlosigkeiten”

  1. Vintage von Kimandra — sasani

    [...] es schlicht und einfach nicht in den 80igern gelebt hat. Ein seelenloses Stück Material (wenn ich Candyfloss hier ein bisschen zitieren darf), welches damals noch nicht einmal eine Pflanzenfaser [...]


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