Glaubensfragen

W.W.J.D. – bestimmt seid ihr in den 90ern auch dem einen oder anderen Zeitgenossen mit diesem marineblauen Armband über den Weg gelaufen. Dieses ominöse Armband mit der noch ominöseren weiss eingestickten Abkürzung. W.W.J.D. – was hat es damit auf sich, wofür stehen diese Buchstaben bloss, fragte ich mich jedes Mal, wenn ich Schulkollegin M. begegnete. In meinem Kopf stellte ich die waghalsigsten Vermutungen an. Ob sie Mitglied der Freimaurer sei gehört, unter uns gesagt, noch zu den harmloseren Thesen, die ich M. gegenüber hegte. Oder, tat ich ihr Unrecht und sie war lediglich ein besonders aktiver Mensch? (Was nicht heissen soll, dass man sich vor dieser Sorte nicht weniger in Acht nehmen sollte. Aber das ist wieder eine andere Geschichte). Immerhin könnten die vier Buchstaben auch für W.orld W.ide J.udo D.epartment oder W.eimarer W.ald J.ugend D.achverband stehen, nicht wahr?

Als meine Neugier den Siedepunkt erreicht hatte, stellte ich M. die Frage aller Fragen. „Ach, das? Das heisst W.hat W.ould J.esus D.o!“, prustete sie mit einer Mischung aus aufgesetzter Nonchalance und Entsetzen über mein Unwissen heraus. Hmmm. Ich verstehe. Und, glaubt mir, ich verstand wirklich! Was würde Jesus in dieser oder jener Situation tun – eine Fragestellung, die, an den eigenen Arm befestigt, daran ermahnen soll, sich in Alltagssituationen an die eigene Nase zu fassen und das Richtige, das Gute zu tun. Die Frage rührt gewissermassen ans Eingemachte. Und ist mir selbst durchaus bekannt. Doch, ohne auf Teufel komm raus blasphemisch sein zu wollen, der Name „Jesus“ wird in meinem Bewusstsein durch andere ersetzt.

In der Schule beispielsweise, wenn ich vor einer unlösbaren Matheaufgabe sass, stellte ich mir in Gedanken vor, wie mein Lehrer mir diese Aufgabe erklären würde, könnte ich ihn fragen. Seine Stimmlage, Aussprache, ja, sogar eventuelle Pausen in der Sprachrhythmik bezog ich ein. Und – bang! Ich hatte die Lösung. Nun. Jedenfalls meist. Und heute schleicht sich die Vier-Buchstaben-Fragestellung oft ein, wenn ich ratlos vor dem Kleiderschrank stehe. Dieses Top zu dieser Hose? Würde das Audrey tun? Was würde Audrey tun?? Wobei gesagt sein soll, dass diesem Namen in Stilfragen keineswegs Exklusivität zukommt. Je nach Stimmung kann es auch sein, dass Debbie Harry („Blondie“), Nina Persson („The Cardigans“, „A Camp“) oder Arielle („die Meerjungfrau“) herhalten müssen. Herhalten, in der Rolle meines Personal Style-Jesus.

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Stilikone einer ganzen Generation – der Generation X: Winona Ryder (rechts), hier im Film „Reality Bites“ von 1994. Zeigt uns nicht nur wie göttlich ein Schlabber-T-Shirt mit applizierter Tasche aussehen kann, sondern führt uns zugleich den wohl coolsten Kurzhaarschnitt der Filmgeschichte vor (seit Mia Farrow in „Rosemary’s Baby“, of course). Und, als sei das alles nicht genug, schnappte sie uns damals vor unser aller Augen Johnny Depp weg. Für so viel Unverschämtheit müsste sie eigentlich verhaftet werden. Moment! Da war doch was?

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Lakshmi, hinduistische Göttin der Schönheit und des Glücks – es lohnt sich also, bei ihr einen Stein im Brett zu haben…

Natürlich können mir aber Audrey, Madonna oder Winona nicht helfen, wenn’s um andere Bereiche geht. Bei allgemeinem Weltschmerz muss ich deshalb beispielsweise Morrissey konsultieren. Per Stereoanlage, versteht sich. Bei wem könnte man sich mehr verstanden fühlen, als bei einem Mann, der die Zeilen singt:

I’ve had my face dragged in

Fifteen miles of shit

And I do not, and I do not like it

So how can anybody say they know how I feel?

When they are they

And only I am I

 

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Melancholisch? Schwer einzuordnende Gefühle der Schwermut? Morrissey spendet Trost! J.P.P. = J.ust P.ress P.lay!

Ein Personal Jesus also für jeden Lebensbereich. Ein praktizierter Vielgötterglauben. Man könnte demnach sagen, ich sei eine Hinduistin der Personenkult-Religion. Aber, bei genauerem Blick auf die meistverwendeten Ikonen unserer Zeit – nehmen wir Madonna – stellt man Erstaunliches fest: Sagt jemand, Madonna sei seine Stilikone, ist man gezwungen zu fragen, welche Madonna damit gemeint ist. Madonna in den 80ern? Diese Bezeichnung ist unzureichend. In den 80ern während ihrer „Holiday“, „Like a Virgin“ oder „True Blue“-Phase? Ja, und selbst innerhalb dieser genannten Alben variierte ihr Image. Hüpfte sie während Holiday und zum Teil noch bei einigen Videos von Like a Virgin bunt behängt über den Bildschirm war sie keineswegs ein Unikat ihrer Zeit – Cyndi Lauper lässt grüssen. Als sie Mitte der 80er die Single „Material Girl“ aus ihrem Like a Virgin-Album auskoppelte, zollte sie im dazugehörigen Video offen ihrer eigenen Ikone Marilyn Monroe Tribut – und kopierte kurzerhand deren Gesamtlook aus dem 1953er Film „Gentlemen Prefer Blondes“ („Blondinen Bevorzugt“. Und das obwohl keine der beiden, weder Miss Ciccone noch Norma Jean Baker alias Marilyn, echte Blondinen sind, aber das nur am Rande). Und die ewigen Metamorphosen der Madonna verlassen die 80er-Jahre, indem sie sich Anfang 90er in eine Art Marlene Dietrich verwandelt. Und der Rest ist, wie man so schön oder unschön sagt, Geschichte.

Und die Moral von der Geschichte? Auch Madonna herself ist in gewisser Hinsicht eine Personal Style- Jesus-Hinduistin (auch wenn sie sich, in spiritueller Hinsicht, zu einer jüdischen Mystikreligion die mit „K“ anfängt und sich auf „Georg Thomalla“ reimt zugehörig fühlt – und uns das mitunter bereitwillig, wiederum mit einem Armband, diesmal in Rot, zur Schau stellt). Und das sind wir alle. Ein Konstrukt aus verschiedenen Versatzstücken. Verschiedene Teile, Vorlieben und Abneigungen der eigenen Persönlichkeit fügen sich zusammen, werden mit einer Prise „Ich“ versehen und bilden das unteilbar Eigene. When they are they and only I am I….

Viel Spass beim Basteln,

Candyfloss

Weiterführende Lektüre:

„What Would Audrey Do“, Pamela Keogh

(Ein Must-Read für Bewunderinnen der Audrey Hepburn und für alle, die sich für Stil in jedem erdenklichen Lebensbereich interessieren. Mitunter mit viel Selbstironie geschrieben, so beispielsweise wenn einem die Technik erklärt wird, wie Miss Hepburn ihre schneeweissen Blusen zu bügeln pflegte. Eigenhändig, wohlgemerkt! Übrigens: eigentlich hätte an dieser Stelle stehen sollen, dass ich selbst noch nicht im Besitz dieses Leckerbissens sei, doch, dass ich für Zusendungen an die Redaktion offen sei. Nun, dank dem unnachahmlichen sechsten Sinn von Freundin L. mir genau dieses Buch zu schenken, erübrigt sich dies. Vielen Dank L.!).

„Trost der Philosophie“, Alain de Botton

(De Botton schafft das Unmögliche, nämlich komplexe philosophische Sachverhalte auf einfache und alltagstaugliche Weise zu erklären. Jedes Kapitel befasst sich mit Problemen, die uns wohl allen bekannt sein dürften. So beispielsweise „Trost bei gebrochenem Herzen“, „Trost bei Unvollkommenheit“, „Trost bei Geldmangel“ – jedes Kapitel wird anhand eines Philosophen, dem jeweiligen „Experten“ auf dem Gebiet, erklärt. Vielen Dank an Freundin G. für diese geniale Buchempfehlung! Ich greife oft darauf zurück – und das nicht nur, wenn Morrissey gerade keine Zeit hat…).

Depeche Mode – „Personal Jesus“ (1989, Regie: Anton Corbijn):

http://www.dailymotion.com/video/xu8ys_depeche-mode-personal-jesus_music

 

 

 

 

 

 

 

 

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One Response to “Glaubensfragen”

  1. Laryssa

    Danke für diese Zeilen. Wenn ich eine Bibel schreiben müsste, wären deine Zeilen meine Einleitung! Inspiring…


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