Das Pet Shop Boys-Prinzip

Auf den Zehenspitzen stand ich vor dem Badezimmerspiegel. Ich hatte mich zuvor kopfüber geworfen, mein Haar verwuschelt und damit eine Frisur erzielt welche man, wäre man britisch, „windswept and interesting“ nennen würde. Und ich hatte im geheimnisvollen Kistchen meiner Mutter nach dem Objekt meiner Begierde gekramt. Erfolgreich. Der kirschrote Lippenstift steckte nun zwischen meinen viel zu kleinen Fingern und bewegte sich zitternd auf meinen Mund zu. Und während ich mich damit buchstäblich anmalte, geschah etwas ganz und gar Magisches. Ich, acht Jahre alt, betrachtete mich im Spiegel und wusste, dass mit diesem Stift einfach alles möglich wurde. Auch ich konnte so aussehen wie die grossen Frauen. Diese Diven aus den italienischen Filmen der 50er Jahre, die sich meine Eltern immer ansahen. Auch ich. So einfach war das. Dieses A-ha-Erlebnis bewahrte ich in mir auf wie einen wertvollen Schatz. Ein Schatz von dem ich wusste, dass ich ihn besass und ihn eines Tages aus der Truhe heben werde. Denn diese Truhe, diese Trickkiste – diese würde ich bestimmt nicht unberührt lassen, bin ich dann mal erwachsen.

Trickkiste. Ist es nicht lustig, dass „trucco“, das italienische Wort für „Schminke“, gleichzeitig auch das Wort für „Trick“ ist? Es gibt keine Zufälle, my dears. Kürzlich zappte ich herum und landete per Schicksal bei „Chic“, dem Lifestyle-Magazin auf Arte. Ich kam in den Genuss eines äusserst interessanten Hintergrundberichts über Make-up-Artists bei Fashionshows – und das Fazit daraus könnte jene von euch die make-up-technisch a) trendbewusst und b) puristisch veranlagt sind in eine mittelschwere Krise stürzen. Was ihr schon lange befürchtet hattet ist jetzt offiziell. Der sogenannte „Nude-Look“ fürs Gesicht ist passé. Ende, aus, vorbei. Aber, seien wir mal ehrlich, er wird auch schon seit 3, 4 Jahren von einschlägiger Frauenpresse als der neue, heisse Scheiss proklamiert. Ach…ich hätte euch schon lange sagen können, dass das keine Zukunft hat. Und jetzt, in Zeiten der Wirtschaftskrise, schon gar nicht. Habt ihr schon mal vom Lippenstift-Index gehört? Der Index, welcher besagt, dass in Krisenzeiten der Absatz von Lippenstiften und anderen farbenfrohen Kosmetika in die Höhe schnellt? Und von der Strasse landet das ganze auf den Laufstegen und von den Laufstegen dann in den Frauenmagazinen. Ihr kennt das Spiel.

Nun, Wirtschaftskrise hin oder her, in meiner persönlichen Trickkiste wird man sowieso vergeblich nach „nackten Farben“ suchen. Kein Beige, Sand, Holz, Ocker soweit das Auge reicht. Denn wozu man sich mühselig mindestens eine halbe, realistisch eine Stunde lang schminken soll um danach so auszusehen wie ich morgens nach dem Aufwachen, tja, dieser Sinn hat sich mir, man möge mir verzeihen, nie ganz erschlossen. Um „natürlich“ auszusehen? Bitte, wenn ihr natürlich wollt, dann seid bitte authentisch und geht so aus dem Haus, wie ihr aufgestanden seid. Augenringig, tränensäckig und verpickelt. Oh ja, ich hatte noch vergessen zu erwähnen: und bitte das Ganze in Beige – oder sieht euer Teint nach einer durchzechten Nacht nicht auch in etwa so aus? (Solltet ihr auf diese Frage gerade mit „nein“ geantwortet haben, fühlt euch privilegiert: ihr gehört zur glücklichen Sorte Frau, die sowohl auf Nude wie auch auf alle anderen Sorten von Make-up verzichten kann).

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Isländische Musikerin und Exzentrikerin Björk mit ganz und gar angezogenem Gesicht

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David Bowie in seiner „Aladdin Sane“ Phase auf dem gleichnamigen Albumcover von 1973 - insane!

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Selbst die „Queen of Clean-Chic“ Kate Moss malt sich auf ihrer letztjährigen Geburtstagsparty mit dem Motto „Glam Rock“ einen goldenen Stern über’s Auge

Für jene unter euch, die sich eine Welt ohne Nude-Make-up nicht vorstellen können, frei nach dem White Stripes-Motto „I Just Don’t Know What To Do With Myself“ (ja, das ist das Video mit Kate Moss an der Stripstange): Fürchtet euch nicht! Die Rettung ist nah! Es gibt ein Leben ohne Augen, Mund und Wangen in „sexy Ocker“ (ein Widerspruch in sich, findet ihr nicht?). Meine Güte, Ladies! Euer Gesicht ist eine weisse Leinwand – und ihr seid die Künstlerinnen. Eure Werkzeuge: Tuben, Töpfchen, Tiegelchen, und Farben, ja, Farben die euren Puls in die Höhe schnellen lassen, weil sie so dermassen anbetungswürdig und zum Anbeissen aussehen.  Seid mutig, seid „flamboyant“ – wie der gleichnamige Song der Pet Shop Boys.

Ja, und genau so sollte meiner Meinung nach ein perfektes Make-up aussehen. Wie ein jeder Pet Shop Boys Song. Es sollte das nötige Pathos, die Opulenz der synthetisch erzeugten Streichinstrumente von Chris Lowe besitzen – irgendwie nicht von dieser Welt sein. Abgehoben. Entrückt. Und doch sollte man dabei eine klare, ja fast klinisch sterile Linie nicht aus den Augen verlieren. Den roten Faden, der das ganze zusammenhält und auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Um es in der Pet Shop Boys- Metapher zu sagen: bleibt trotzdem clean und cool, ja, sogar betont distanziert, genau wie Neil Tennants Stimme. Diese Stimme, die über Emotionen erzählt als ginge es dabei um den aktuellen Börsenkurs (siehe „You Only Tell Me You Love Me When You’re Drunk“, „Yesterday, When I Was Mad“). Wem das jetzt zu abstrakt war, der kann sich auf der Pet Shop Boys Website konkrete visuelle Inspirationen holen – besonders die Album- und Singlecovers sind einen Blick wert. Nicht umsonst hat das Artwork der Site schon etliche Preise abgestaubt. Ausserdem kann man sich bei den Briten auch Tipps holen wenn es um die Anwendung von Komplementärfarben geht. Denn ohne die geht’s auch auf dem Gesicht nicht. Oder möchtet ihr etwa nicht wissen, welche Lidschattenfarbe eure Augenfarbe am meisten zum Leuchten bringt, welche Lippenstiftnuance eurem Teint schmeichelt, wie ein englischer Matrose der einzigen Frau im Hafen-Pub? Eben.

Happy painting,
Candyfloss

www.petshopboys.co.uk

The White Stripes -  „I Just Don’t Know What To Do With Myself“ (2003, Regie: Sofia Coppola):

http://www.youtube.com/watch?v=gp6A1KeXDC0

Category: Candyfloss' Corner | Tags: , , , , , , , , One comment »

One Response to “Das Pet Shop Boys-Prinzip”

  1. Rainy SUNdays — sasani

    [...] Natürlich bleibt die Sportmode farbig, seeeeeehr farbig. Deshalb darf auch mal das Make-up dem Outfit angepasst und farblich ruhig etwas dicker aufgetragen werden wie im Make-up Artikel von Sandra sehr treffend formuliert (und ganz im Sinne unserer Kolumnistin Candyfloss). [...]


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